Pressemitteilungen

Interview
  • 22.11.2016

Die Entwicklung positiv angehen

Frau Ministerin, welche Bezüge haben Sie zu unserer Region - wen oder was kennen Sie in Heilbronn-Franken?

Nicole Hoffmeister-Kraut: Ich war bei meiner Sommerreise beim DLR-Standort, bin jetzt bei Ziehl-Abegg, war auch schon bei einem Unternehmergespräch in der Region. Und außerdem habe ich eine langjährige Verbindung nach Heilbronn, ich bin jahrelang geritten, war daher häufig in Heilbronn beim Landes-Leistungszentrum am Trappensee. Und erst an Pfingsten habe ich eine Fahrradtour nach Heidelberg gemacht, am Neckar entlang, und da haben wir in Heilbronn Station gemacht. Es ist ja enorm, was da investiert wird, nicht nur für die Bundesgartenschau. Da hat sich das Gesicht Heilbronns stark gewandelt, zum Positiven.

Welche drängenden Wirtschafts-Probleme der Region wurden schon an Sie herangetragen?

Hoffmeister-Kraut: Eine große Rolle spielen auch hier vor Ort die Themen Fachkräftemangel und Breitbandausbau. Das sind Gebiete, in denen wir derzeit auch Maßnahmen ergreifen, um dem entgegenzuwirken.

Wie wollen Sie diese konkret lösen?

Hoffmeister-Kraut: Für den Breitbandausbau werden allein in diesem Jahr 51 Millionen Euro an Fördergeldern zur Verfügung gestellt. Wenn man sieht, wie vernetzt die künftige Produktion sein wird, dann belegt das eindrücklich , dass wir da als Land gefordert sind und die Rahmenbedingungen entsprechend
gestalten müssen. Das erfordert tiefgreifende Veränderungen - in der Infrastruktur und in der Arbeitswelt.

Packen die Beschäftigten und packen die Unternehmen das?

Hoffmeister-Kraut: Wir haben gar keine Alternativen. Wir müssen das packen und das als Chance sehen. Ich bin mir sicher, dass die vielen Maßnahmen gerade im Weiterbildungsbereich dazu beitragen, dass man die Mitarbeiter qualifizieren kann. Natürlich werden sich die Arbeitsinhalte teilweise verändern. Der Mensch wird aber nicht vollkommen ausgeschaltet, man braucht ja immer jemanden, der das unterstützt und managt. Und es gibt ja auch viele neue Bereiche, die erst geschaffen werden, neue Jobs, die alte ersetzen oder andere Schwerpunkte legen. Als vor einigen Jahren viel Produktion ins Ausland verlagert wurde, waren ja ähnliche Ängste vorhanden - und heute haben wir eine so niedrige Arbeitslosenquote wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Deshalb habe ich da keine Bedenken, dass wir die Herausforderung nicht schaffen.

Das heißt, die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist unbegründet?


Hoffmeister-Kraut: Es wird natürlich Veränderungen geben und es werden Arbeitsplätze wegfallen. Aber es werden auch wieder in neuen Bereichen und neuen Branchen welche geschaffen. Man muss die Entwicklung positiv angehen. Die Herausforderung besteht darin, dass sich unsere Unternehmen diesen Themen stellen. Dann können wir Arbeitsplätze erhalten.

Wie hoch schätzen Sie allein im Breitband fürs Land den Investitionsbedarf?


Hoffmeister-Kraut: Der Investitionsbedarf für flächendeckenden Glasfaserausbau in BW kann nur geschätzt werden. Für Deutschland insgesamt liegen die seriösen Schätzungen bei bis zu 100 Milliarden Euro, fürs Land würde das mindestens zehn Milliarden Euro Investitionsvolumen bedeuten. Im
Koalitionsvertrag ist unsere Digitalisierungsstrategie digital@bw mit 325 Millionen Euro Volumen beschlossen worden. Davon fließt auch ein großer Batzen in den Ausbau. Wir müssen hier ganz klar prioritär vorgehen, das heißt schwerpunktmäßig Gewerbegebiete sowie Hochschulen und Schulen anschließen. Aber es muss klar sein: Staatliche Förderung ist immer ultima ratio.

Vieles, was die regionale Wirtschaft fordert, spielt sich außerhalb Ihres Ressorts ab, etwa Verkehr- und Infrastruktur oder Bildung. Wie klappt da die Zusammenarbeit mit den Ressortkollegen?


Hoffmeister-Kraut: Ich vertrete die Stimme der Wirtschaft in der Landesregierung. Wir haben alle die Aufgabe, dass wir das Land voranbringen und gut aufstellen. Bei der Zusammenarbeit habe ich bisher gute Erfahrungen gemacht. Man nimmt den anderen ernst, die Argumente werden gehört und man einigt sich. Das hat in den ersten Monaten sehr gut funktioniert.

Welches Thema steht da als nächstes an?


Hoffmeister-Kraut: Wir haben auch die Zuständigkeit für Wohnungsbau. Und bei der Wohnraum-Allianz passiert im Moment sehr viel. Anfang Dezember steht das nächste Spitzengespräch an, bei dem erste Ergebnisse diskutiert werden. Wir sind unter enormen Druck, Wohnraum zu schaffen. Wir wollen zum einen mehr Flächen gewinnen, das ist unser größtes Problem. Wir wollen die Planungsverfahren verkürzen und das Bauen wieder günstiger machen, soweit wir das von Landesseite beeinflussen können, und das Landes-Wohnraum-Förderprogramm an den aktuellen Erfordernissen ausrichten. Zweites großes Thema ist der Fachkräftemangel. Wir haben da verschiedene Maßnahmen ergriffen, um entsprechend flankierend gegenzusteuern. Baden-Württemberg ist sehr attraktiv als Arbeitsort, deswegen brauchen wir auch Wohnraum.

Wie können dabei die ins Land gekommenen Flüchtlinge einen Teil des Fachkräftemangels lösen?

Hoffmeister-Kraut: Das A und O für eine erfolgreiche Integration auch in den Arbeitsmarkt ist das Erlernen der deutschen Sprache. Wir wollen ja die Potenziale optimal nutzen. Es sind durchaus Qualifizierte dabei, die besondere Fähigkeiten mitbringen.

Sie stammen aus einer Unternehmerfamilie. Als wie groß haben sich die Unterschiede zwischen der Landespolitik und der unternehmerischen Tätigkeit herausgestellt?

Hoffmeister-Kraut: Die politischen Prozesse sind langwieriger, weil man Mehrheitsentscheidungen erzielen muss. Als Unternehmer ist man eine andere Entscheidungsfreiheit gewohnt. Man tauscht sich zwar aus, aber am Ende entscheidet diejenige Person, die Verantwortung übernimmt. In der Demokratie brauchen wir Mehrheitsentscheidungen, das ist auch richtig so. Aber die herbeizuführen braucht einfach Zeit. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen: Ich habe sehr viele positive Erfahrungen gemacht. Die Arbeit macht sehr viel Freude. Man lernt voneinander.

Was wünschen Sie sich da manchmal?


Hoffmeister-Kraut: Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch. Ich würde mir manchmal wünschen, dass die sachliche Diskussion mehr im Vordergrund steht. Wenn ich ein Problem erkenne, frage ich, wie wir das gemeinsam lösen. Auf der politischen Bühne gehört der Schlagabtausch aber oftmals zum Ritual, auch wenn man sich in der Sache einig ist. Da denke ich manchmal: Das könnte man auch schneller entscheiden.

Das Gespräch führte Heiko Fritze.

Quelle: Quelle: Das Interview erschien am 22. November 2016 in der Heilbronner Stimme.


Fußleiste