Pressemitteilung

Interview
  • 07.11.2016

Digitalen Wandel gestalten

Im Interview mit #6789 spricht die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut über die Digitale Transformation und wie beispielweise nicht nur Unternehmen und ihr Führungspersonal, sondern auch Mitarbeiter bei diesem Thema mitgenommmen werden können.

#6789: Das Land Baden-Württemberg verfügt über eine homogene, stark mittelständisch geprägte Industrielandschaft. Welche Kernherausforderung sehen Sie vor diesem Hintergrund bei der Digitalen Transformation?

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut: Unsere große Stärke sind der breite Branchenmix und viele innovative Unternehmen, die es bisher mit immer neuen oder verbesserten Produkten, Dienstleistungen oder Fertigungsmethoden geschafft haben, Kunden zu überzeugen und hinzuzugewinnen. Allerdings können sie sich nicht mehr nur auf ihre bisherigen Kernkompetenzen verlassen, weil digitale Ansätze zunehmend an Bedeutung gewinnen und wesentlicher Innovationstreiber sind. Gerade KMU stehen hier vor großen Herausforderungen. Neben hohen Investitionen erfordert die Digitalisierung neue und zusätzliche Qualifikationen beim Personal. Die Zunahme der Komplexität von Prozessen und Produkten macht die Einbindung von Partnern mit speziellen Fachkenntnissen nötig. Weitere Voraussetzungen auf dem Weg in die digitale Zukunft sind die Behebung von Medienbrüchen oder die Entwicklung komplexer Dienstleistungen.

Die Digitale Transformation ist ein Technologiethema, aber auch eine gesellschaftliche und somit menschenbezogene Thematik. Was muss getan werden um nicht nur die Unternehmen und ihr Führungspersonal, sondern auch die Mitarbeiter zu interessieren und mitzunehmen?

Ich verstehe Ängste, dass neue Technologien und Methoden den eigenen Arbeitsplatz gefährden, weil Veränderung auch immer ein gewisses Risiko birgt. Deshalb müssen von Beginn an die Beschäftigten in den Prozess eingebunden und auf den kommenden Wandel der Arbeitswelt vorbereitet werden. Dabei müssen wir vor allem die KMU im Blick behalten, weil ihre Innovationsfähigkeit zentraler Baustein für die wirtschaftliche Stärke Baden-Württembergs ist. Intelligente Fabriken können eben nur im Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation funktionieren. Für Auszubildende gibt es hierfür die „Lernfabriken 4.0“, verkettete Maschinensysteme, in denen die Steuerung intelligenter Produktionsprozesse auf der Basis realer Industriestandards trainiert wird. Mit 6,8 Millionen Euro haben wir als Wirtschaftsministerium bisher den Aufbau von landesweit 15 dieser Lernfabriken gefördert.

Vernetzung von Systemen und Vernetzung von Unternehmen sind Grundvoraussetzungen für ein Gelingen der Digitalen Transformation. Großunternehmen haben dies verstanden und den Prozess begonnen. Was ist zu tun um bei mittelständischen, aber durchaus auch bei kleineren Unternehmen den Prozess anzubahnen und zu unterstützen?


Weltweit aufgestellte Konzerne müssen, um die Lenkung des Unternehmens zu ermöglichen, hochgradig vernetzt sein und einen effizienten Informationsaustausch und Warenfluss garantieren. Dabei aufgebaute Erfahrungen und Kompetenzen können konzernweit genutzt werden. KMU tun sich da schwerer. Zum einen, weil sie vielleicht selbst Zulieferer unterschiedlicher Großkonzerne sind, zum anderen, weil sie strukturbedingt bislang nicht gezwungen waren, die Vernetzung entsprechend konsequent voranzutreiben, um die Zusammenarbeit zwischen Branchen und Unternehmen zu verbessern. Um unsere Unternehmen auf dem Weg in die digitale Zukunft zu unterstützen, arbeiten wir eng mit unserer einzigartigen Forschungslandschaft zusammen, zum Beispiel den Fraunhofer-Instituten oder Einrichtungen der Innovationsallianz Baden-Württemberg, mit denen wir unter anderem die Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg sowie die IKT-Allianz Baden-Württemberg initiiert haben und vorrangig KMU Orientierung geben wollen.  Beim Fraunhofer IPA fördern wir zum Beispiel den Aufbau eines Applikationszentrums zu Industrie 4.0 mit 3,5 Millionen Euro. Dort werden KMU bei der Übertragung von Forschungsergebnissen in den praktischen Einsatz unterstützt. Mit einer Million Euro fördern wir das Regionale Zentrum Industrie 4.0 von Fraunhofer und der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen, das operative Prozesse verbessern und neue Geschäftsmodelle entwickeln hilft. Mit dem Digitalen Innovationszentrums (DIZ) wird eine Einrichtung aufgebaut, die insbesondere KMU bei der schnellen Adaption neuer Technologien unterstützt. Wir fördern das mit rund 3,8 Millionen Euro – das Forschungszentrum Informatik und das CyberForum steuern nochmals die gleiche Summe bei. Ein Ausgangspunkt dafür war das von meinem Haus geförderte Projekt „Virtual Fort Knox“. Das ist eine hochsichere Cloud-Plattform, auf der neuartige Apps als Service für Maschinen- und Anlagenbauer angeboten werden.

Industrie 4.0 als Buzzword für Digitale Transformation erscheint zu kurz gesprungen. Es geht um mehr als industrielle Prozesse. Wie umfassend definieren Sie Digitale Transformation gerade auch unter dem Aspekt der parallelen und zugleich eng verbundenen Cloud-Thematik?

„Industrie 4.0“ hat bereits heute die Produktion unumkehrbar verändert. Der Begriff steht für einen tiefgreifenden Strukturwandel der Industrie und beschreibt nicht nur das Phänomen der Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung von gesamten Produktionsketten, sondern bringt fundamentale Veränderungen auf den Punkt. Es geht um hochflexible Produktion auf der Basis intelligenter Maschinen, durchgängiger Digitalisierung über Cloud-vernetzte Wertschöpfungsketten und neue Geschäftsmodelle insbesondere durch digitale Technologien. Oftmals wird in der aktuellen Debatte vergessen, welche Auswirkungen das auf die gesamte Wirtschaft hat. Baden-Württemberg ist ein starker Industriestandort. Dass die Digitale Transformation besondere Bedeutung für die Sicherung unserer Wettbewerbsfähigkeit und unseres Wohlstandes hat, liegt auf der Hand. Deshalb legen wir zwar einen Schwerpunkt auf „Industrie 4.0“, wollen uns aber mit gleicher Anstrengung den anderen Wirtschaftsbereichen widmen. Generell umfasst die Entwicklung sowohl die Prozess- als auch die Produktebene sowie den Dienstleistungsbereich, für die es jeweils angepasste Instrumente der Digitalen Transformation braucht. Ein Instrument kann Cloud Computing sein, weil es die Chance bietet, arbeitsteilig IKT-Infrastrukturen über das Internet auszulagern und von Experten verwalten zu lassen. Das spart wertvolle Ressourcen, erhöht die Flexibilität und hilft gerade KMU, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren.

Vernetzung zwischen Unternehmen setzt ebenso wie die Nutzung von Clouds Vertrauen voraus. Vertrauen kann nur durch ein Maximum an Sicherheit entstehen. Was kann im Land hierfür getan werden?


Die Stärke der KMU liegt in ihrer Individualität. Individuelle Lösungen bei einem Höchstmaß an Sicherheit und Verfügbarkeit sowie der Wahrung der Unabhängigkeit der Anwender stehen im Vordergrund möglicher Entscheidungen. Mit einer Förderung von über 4,6 Millionen Euro bei einem doppelt so großen Gesamtprojektvolumen unterstützen wir als Land die Fraunhofer Institute für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), das Institut für Enterprise Systems an der Universität Mannheim (InES) sowie Baden-Württemberg: connected (bwcon), um mit dem Projekt Cloud Mall Baden-Württemberg neue anbieterübergreifende Cloud-Ansätze speziell für KMU zu entwickeln.

Anders als gelegentlich argumentiert ist die Digitale Transformation ein „Jobmotor“. Im Falle der sicherlich sinnvollen, ja nahezu unvermeidbaren Nutzung von Clouds könnte diese bei den für unser Land wichtigen Anbietern von Unternehmenssoftware zum „Jobkiller“ werden. Wie kann dem entgegengewirkt werden?

Ich glaube nicht, dass Cloud Computing zum „Jobkiller“ für unsere Softwareanbieter wird. Für die IKT-Anbieter gilt das Gleiche, wie für die Anwenderunternehmen: die Anforderungen und Märkte ändern sich. Sicherlich würde Cloud Computing gerade kleine und mittlere IKT-Anbieter gefährden, wenn künftig nur noch standardisierte IKT-Lösungen von wenigen Großanbietern angeboten und vor allem nachgefragt würden. Je mehr sich aber Software und IKT-Dienstleistungen dem Kerngeschäft der Anwender nähern, desto individueller müssen Verfahren und Prozesse gestaltet werden. Bereits heute ist das Kernkompetenz der kleinen und mittleren IKT-Unternehmen im Land.Durch vom Anbieter unabhängige Cloud-Plattformen haben die kleinen und mittleren IKT-Anbieter aber die Möglichkeit, neue Vertriebskanäle zu nutzen und im Verbund mit anderen Spezialisten übergreifende und durchgängige Lösungen zu entwickeln. Wird diese Chance von Anbieter- und Anwenderseite genutzt, vernichtet das nach meiner Auffassung nicht Arbeitsplätze, sondern kann vielmehr weltweit neue Absatzmärkte schaffen.

Eine prosperierende Wirtschaft braucht einen zuverlässigen, unternehmensfreundlichen aber auch zurückhaltenden Staat. Wieviel Staat wollen sie als Wirtschaftsministerin?

Unsere Unternehmen stehen in einem zunehmend verschärften globalen Wettbewerb mit volatilen Märkten. Deshalb müssen wir Wirtschaft und Beschäftigten im Land optimale und zukunftsgerichtete Standortbedingungen bieten. Mit öffentlichen und privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie der Qualifizierung von Fach- und Nachwuchskräften. Auch Rechtsicherheit, eine leistungsfähige Infrastruktur, ein solides und zukunftsweisendes Aus- und Weiterbildungssystem, Grundlagenforschung und Unterstützung beim Wissens- und Technologietransfer sind Parameter, die nicht überschätzt werden können. Diesen Handlungsrahmen zu schaffen und gleichzeitig Handlungshürden zu minimieren, ist unsere Aufgabe. Der Staat ist gut darin, wenn es um Kontinuität geht, dynamisches Unternehmertum kann er nicht ersetzen.

Das Gespräch führten Dr. Jürgen Jähnert und Mark Doerbeck.

Quelle: Das Interview erschien am 7. November 2016 im Magazin #6789


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