Pressemitteilung

Interview
  • 28.12.2016

Frauen brauchen einen langen Atem

Unternehmen mit Frauen an der Spitze haben deutlich höhere Erfolge. Das besagt eine Studie der Unternehmens- und Strategieberatungsgesellschaft McKinsey, die in 52 Ländern vertreten ist. Die baden-württembergische Landesregierung hat das Projekt „Spitzenfrauen“ initiiert. Ihr Ziel: In Baden-Württemberg den weiblichen Anteil in Führungspositionen erhöhen. Eine nicht öffentliche Datenbank „Spitzenfrauen in Gremien“ hat zudem Bewerbungsprofile von Frauen gespeichert, die Interesse an der Mitarbeit in einem Aufsichtsgremium haben. Projektleitung: das Steinbeis-Innovationszentrum Unternehmensentwicklung an der Hochschule Pforzheim. Die neue Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) nahm im Interview Stellung zum Thema Gleichstellung der Frau in der Wirtschaft.

WirtschaftsKRAFT:
Frau Dr. Hoffmeister-Kraut, erhalten Sie als Ministerin nur die Hälfte der Bezüge Ihres Vorgängers – und arbeiten Sie stattdessen länger?

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut: Ich erhalte dieselben Bezüge wie er – „equal pay“ ist in der öffentlichen Verwaltung längst Wirklichkeit, da muss sich der Staat nichts vorwerfen lassen. Es kann dennoch sein, dass mein Terminkalender voller ist als der meines Vorgängers.

WirtschaftsKRAFT: Für Frauen weltweit trifft die Ungleichbehandlung indessen zu. Laut der jüngsten Datenerhebung des WEF Weltwirtschaftsforums (GenderGap Report) erhalten weibliche Arbeitskräfte durchschnittlich knapp die Hälfte des Gehalts ihrer männlichen Kollegen, obwohl sie länger arbeiten. Überrascht Sie das?

Hoffmeister-Kraut: Nein. Man muss aber auf die Streuung und Bandbreite achten, die global gesehen letztlich diesen Durchschnitt ergibt. Die Gründe für die Lohnunterschiede liegen zum großen Teil in strukturellen Faktoren wie Berufswahl, Berufsausstiegen, Teilzeittätigkeiten, Minijobs, atypischen
Beschäftigungsverhältnissen und unbezahlten Tätigkeiten.

WirtschaftsKRAFT: Ist diese Ungleichbehandlung aus betriebswirtschaftlicher Sicht – zynisch betrachtet – ein Vorteil für die Unternehmen, weil die Personalkostenreduzierung ihre Wettbewerbsfähigkeit stärkt?

Hoffmeister-Kraut: Ungleichbehandlung ist in keinem Fall ein Vorteil. Gleiche Chancen und faires Entgelt stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, weil sie Fachkräfte sichern und damit Mitarbeiter – und vor allem Mitarbeiterinnen – besser binden können und damit insgesamt die Arbeitgeberattraktivität erhöhen.

WirtschaftsKRAFT:
Nun ist in derselben Studie des Weltwirtschaftsforums Deutschland bei den Gleichstellungsbemühungen von Platz fünf im Vorjahr auf den 13. Rang unter 144 Ländern abgerutscht. Wie erklären Sie sich diesen Absturz hinter Länder wie Philippinen, Ruanda, Nicaragua und Burundi?

Hoffmeister-Kraut:
Wir müssen hier ganz genau hinschauen, denn der Report bewertet die Gleichheit der Geschlechter nach vier Kategorien: Gesundheit und Überlebenschancen, Bildungsweg, politische Teilhabe und wirtschaftliche Chancen. Im Durchschnitt dieser vier Kategorien sind Frauen im Jahr 2016 nur zu 58 Prozent gleichgestellt. Das ist nicht rühmlich, keine Frage. Aber von Kategorie zu Kategorie sieht das für sich genommen schon anders aus. So lag der Gleichstellungswert bei den wirtschaftlichen Chancen in Deutschland bei 69,1 Prozent, in den Bereichen Bildung und Gesundheit/Lebenserwartung aber jeweils etwa 96 Prozent. Ein negativer Ausreißer ist die politische Mitwirkung. Da sind es nur 24 Prozent. In jeder Kategorie muss man sehr genau nach den Ursachen schauen; der Durchschnittswert hilft bei Schlussfolgerungen kaum weiter.

WirtschaftsKRAFT: Welche Möglichkeiten hat die baden-württembergische Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau, um die Situation der Frauen in Bezug auf Gleichstellung zu verbessern?

Hoffmeister-Kraut:
Eine der wichtigsten Aufgaben ist es, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, durch passgenaue Kinderbetreuungsangebote und familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen, damit partnerschaftliche und kontinuierliche Erwerbsbiografien für Frauen und Männer möglich sind. Hier ist in den letzten Jahren – in guter Zusammenarbeit mit Kommunen und auch der Wirtschaft – enorm viel passiert. Das wollen wir aber noch weiter verbessern. Wichtig sind außerdem eine vertiefte Berufsorientierung zur Erweiterung des Berufswahlspektrums, die Beseitigung von Rollenstereotypen, die Reduzierung von Berufsausstiegen und die Erleichterung des Wiedereinstiegs, qualifikationsgerechte Beschäftigung und die Verwirklichung von Chancengleichheit und Karriereförderung von Frauen in den Unternehmen. Für all das halten wir als Wirtschaftsministerium eine Vielzahl von gut laufenden und nachgefragten Programmen bereit.

WirtschaftsKRAFT: Der WEF-Erhebung ist zu entnehmen, dass ausgerechnet eines der baden-württembergischen Schwerpunktthemen, die Digitalisierung, vorrangig die Jobs von Frauen vernichten wird.

Hoffmeister-Kraut:
Die Befürchtungen eines massiven Beschäftigungsabbaus im Zuge der Digitalisierung sind nach den meisten derzeit vorliegenden Studien derzeit unbegründet. Es fallen keineswegs nur Tätigkeiten weg, sondern es entstehen auch neue. Klar ist, dass sich Beschäftigungsfelder vom Profil und Anspruch her ändern werden. Aber in der Gesamtbilanz kann es sogar einen positiven Beschäftigungseffekt geben. All dem muss man – und das ist die Lösung – in Bildung und Ausbildung gerecht werden: angefangen in der Schule, dann in der beruflichen oder akademischen Ausbildung, aber auch in der Weiterbildung. Das Land ist hier aktiv.

WirtschaftsKRAFT:
Unter dem Dach des Wirtschaftsministeriums und mit der Projektleitung des Steinbeis-Innovationszentrums an der Hochschule Pforzheim gibt es die Initiative „Spitzenfrauen“. Was sind die Ziele von „Spitzenfrauen“ und welche Ergebnisse wurden bisher erzielt?

Hoffmeister-Kraut: Unser Ziel ist es, den Frauenanteil in Spitzenpositionen und Aufsichtsgremien nachhaltig zu erhöhen. Das ist ein wichtiges wirtschaftspolitisches Thema und zentraler Bestandteil einer zukunftsorientierten Standortpolitik. Dafür investieren wir bis 2018 mehr als 600.000 Euro für ein eigenes Webportal oder eine Datenbank für weibliche High Potentials, aber auch für Qualifizierungsveranstaltungen. Aber wir sind natürlich noch nicht am Ende des Wegs.

WirtschaftsKRAFT:
Laut einer Studie beträgt der weibliche Anteil in Führungspositionen nur 23 Prozent. Würde sich der Unternehmenserfolg verbessern, wenn mehr Frauen Zugang zur mittleren und oberen Managementebene hätten?

Hoffmeister-Kraut: Der Anteil weiblicher Führungskräfte beträgt – je nach Führungsebene – sogar bis zu 40 Prozent. Aber natürlich, er ist ausbaufähig. Und ja, der Unternehmenserfolg dürfte sich nach allen uns bekannten Studien in der Tat verbessern, wenn der Anteil weiblicher Führungskräfte steigt. McKinsey hat in der Studie „Women Matter“ festgestellt, dass Unternehmen, die Frauen maßgeblich an der Führung beteiligen, in der Regel eine höhere Eigenkapitalrendite, mehr Gewinn und bessere Aktienkurse erzielen und ihre Innovationskraft stärken. Sie haben eine breitere Perspektivenvielfalt und bessere Unternehmensführung, können neue Märkte erschließen, zusätzliche Kundengruppen gewinnen, die Arbeitsatmosphäre verbessern, Krankheits- und Fehlzeiten senken sowie die Fluktuation im Unternehmen reduzieren.

WirtschaftsKRAFT:
Frau Hoffmeister-Kraut, Sie sind Ehefrau, Mutter von drei Kindern sowie wirtschaftlich und politisch in Führungspositionen aktiv. Welche Faktoren fördern aus Ihrer Erfahrung die Karrierewege von Frauen?

Hoffmeister-Kraut:
Nach meiner Erfahrung sind das eine gute Qualifikation und Selbstvertrauen. Man muss auch mal über eigene Erfolge erzählen, Initiative ergreifen, Chancen nutzen, Herausforderungen annehmen und bei all dem langen Atem beweisen. Aktives Networking gehört auch dazu – und das können Frauen eigentlich sehr gut. Aber natürlich liegt es nicht nur an einem selbst, sondern auch an den Rahmenbedingungen, Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

WirtschaftsKRAFT:
Welche Tipps haben Sie für künftige „Spitzenfrauen“?

Hoffmeister-Kraut:
Frauen sollten konsequent ihre Chancen suchen und nutzen, sich nicht scheuen, Führungsverantwortung zu übernehmen, auch wenn sie zeitliche Flexibilität in ihrem Privatleben benötigen. Auch in herausgehobenen Positionen muss es möglich sein, Zeit für Familie und Kinder zu haben. Das eine darf das andere nicht ausschließen.

WirtschaftsKRAFT:
Abschließend noch Ihr Eindruck von der Wirtschaftsregion Nordschwarzwald.

Hoffmeister-Kraut: Ich habe schon im ersten halben Jahr meiner Amtszeit die Region kennenlernen können, aber noch lang nicht erschöpfend. Ich habe hier sehr positive Eindrücke gesammelt, zum Beispiel auf meiner Sommerreise, als wir einen unserer sogenannten „Hidden Champions“ besucht haben – das sind Unternehmen, die vielleicht nicht so bekannt sind, die aber auf ihrem Gebiet absolut innovativ und oft Weltmarktführer sind. Außerdem war ich erst neulich in Pforzheim und Mühlacker unterwegs zum Thema „Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit“ und war tief beeindruckt, wie engagiert und vorbildhaft hier Unternehmen die Integration vorantreiben.

WirtschaftsKRAFT: Welchen Stellenwert aus Sicht der Wirtschaftsministerin hat die Region Nordschwarzwald?

Hoffmeister-Kraut:
Denselben Stellenwert wie alle anderen elf Regionen Baden-Württembergs auch; hier sind mir natürlich alle gleich wichtig und gleich lieb. Das Gute an Baden-Württemberg ist, dass wir – anders als andere Länder bundesweit oder auch im europäischen Vergleich – in der gesamten Breite des Landes, auch im sogenannten ländlichen Raum, wirtschaftlich sehr gut aufgestellt sind. Das müssen wir erhalten, dafür setze ich mich ein.

Das Gespräch führte Gerd Lache.

Quelle: Das Interview erschien in der Ausgabe 2016 des Magazins WirtschaftsKRAFT.


Fußleiste