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Logistik
  • 28.04.2017

Der Logistikstandort kann sich sehen lassen

Baden-Württemberg gilt derzeit nicht unbedingt als Top-Standort für Logistik in Deutschland. Wie wollen Sie das ändern?

Finden Sie? Ich sehe das nicht so. Baden-Württemberg ist durch seine starke Industrie und die kaufkräftige Bevölkerung einer der wichtigsten Logistikmärkte und Logistikstandorte in Deutschland. Innerhalb Deutschlands gehören wir zu den wichtigsten Ländern für den Wirtschaftszweig Logistik, was die Zahl der ansässigen Unternehmen und der Beschäftigten angeht. Rund 10 Prozent der deutschen Top-Logistikdienstleister mit einem Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro haben ihren Stammsitz im Südwesten. Und fast jeder bedeutende Logistikdienstleister hat eine oder mehrere Niederlassungen in Baden-Württemberg. Ich denke, das kann sich sehen lassen.

Wo sehen Sie selbst Stärken und Schwächen des Standorts Baden-Württemberg?

Die Stärke der baden-württembergischen Logistik liegt vor allem darin, dass wir sehr viele kleine und mittelständige Unternehmen in diesem Bereich haben. Sie sind oft inhabergeführt und durch ihre Größe besonders flexibel, so dass sie sich schnell an die Anforderungen ihrer Kunden anpassen können.
Aber wie in vielen Bereichen ändern sich die Anforderungen zurzeit rapide. Früher stand hinter dem Stichwort Logistik noch das klassische Anforderungsprofil Transport, Umschlag und Lagerung. Heute hat der Logistikbereich eine starke Querschnittsfunktion. Die Logistik ist von komplexen Serviceanforderungen und -angeboten geprägt. Es ist einfach immer wichtiger geworden, dass sich Logistikunternehmen auf die unternehmens- und branchenspezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen. Das kann bis heute für manches Unternehmen eine Herausforderung sein. Aber ich bin sicher, dass die baden-württembergischen Logistiker sich diesen Herausforderungen stellen und sie erfolgreich meistern.

Welche Akzente setzen Sie als Wirtschaftsministerin, um die Logistik als Rückgrat der Wirtschaft zu stärken?

Mir ist der Austausch mit den Unternehmen und Branchenexperten sehr wichtig. Im Rahmen des Nutzfahrzeugdialogs sind beispielsweise auch Logistikunternehmen als Anwenderbranche mit einbezogen. Klar ist, dass der Transformationsprozess vom klassischen Transport- und Lagerunternehmen zum modernen Logistikdienstleister sehr wichtig ist. Damit ist die Logistik ein bedeutender Wachstumsmarkt. Sie begleitet die Produktion und den Handel, ermöglicht Austauschbeziehungen über den gesamten Erdball und leistet einen wertvollen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum. Darum ist Innovation innerhalb der Logistik wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger werden. Das Thema Innovation hat mein Haus zusammen mit dem Kompetenzzentrum für Logistik und Wertschöpfung „LOGWERT“ aufgegriffen. Das Kompetenzzentrum „LOGWERT“ bündelt die logistische Kompetenz der Hochschule Heilbronn und die Mobilitäts- und Stadtsystemkompetenz des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO aus Stuttgart. Im Herbst 2016 haben wir die Ergebnisse der Studie “Logistikinnovationen Baden-Württemberg – eine Einschätzung aus Verlader- und Dienstleistersicht“ vorgestellt. Es ging uns darum, den bisher verhältnismäßig abstrakt beschriebenen Nutzen von Logistikinnovationen klarer zu fassen. Denn das braucht es, um ein besseres Verständnis für deren positive Effekte zu schaffen. Und wir wollen aufzeigen, wo konkreter Handlungsbedarf besteht und wie darauf mit Maßnahmen reagiert werden kann. Ich kann allen Logistikern nur sehr empfehlen, online in die Studie hineinzuschauen.

Wo sehen Sie die Notwendigkeit und Möglichkeit, im Sinne von Wirtschaftsförderung weitere Flächen für Logistik auszuweisen oder zu erhalten um Unternehmen Wachstum zu ermöglichen?

In Baden-Württemberg sind hierfür grundsätzlich die Gemeinden zuständig. Sie stellen Bauland bereit, indem sie im Rahmen ihrer kommunalen Planungshoheit Flächennutzungs- und Bebauungspläne aufstellen. Das gilt auch für die Ausweisung weiterer Flächen für die Logistik. Mir als Wirtschaftsministerin ist es sehr wichtig, dass ich die Bedürfnisse der Wirtschaft kenne. Ich habe ein offenes Ohr für die Betriebe und bin im Dialog mit den kommunalen Verbänden. Damit die Gemeinden Bauflächen bedarfsgerecht bereitstellen können, plädiere ich dafür, dass der Dialog vor Ort gesucht wird. Logistikunternehmen, die Bauflächen benötigen, kann ich also nur ermutigen in den Austausch mit den örtlichen und regionalen Wirtschaftsförderungen zu treten. Gerade bei diesem Themenfeld ist es wichtig, dass die Gespräche und Planungen regemäßig und frühzeitig stattfinden und dass sie langfristig ausgerichtet sind.

Was tut das Wirtschaftsministerium konkret, um diese Standorte im Bereich Logistik besser zu erschließen?

Da hier die Gemeinden zuständig sind, setze ich mich als Wirtschaftsministerin für einen guten Dialog ein und vertrete die Interessen der Wirtschaft, wo immer ich kann.

Sind Sie sich darin einig mit Ihrem grünen Koalitionspartner und Verkehrsminister Winfried Hermann?


Einigkeit besteht darin, dass wir die Logistik für das Funktionieren der Wirtschaft unbedingt brauchen. Der Verkehrsminister muss natürlich genau wie ich die Planungshoheit der Gemeinden respektieren, wenn es um die Bereitstellung von Bauflächen geht.

Wo gibt es inhaltliche Differenzen mit dem Verkehrsminister?

Wir arbeiten eng und konstruktiv zusammen. Mein Anliegen ist es, die Interessen unserer Wirtschaft auch innerhalb der Koalition zu vertreten, z. B. beim Thema Infrastrukturausbau. Und natürlich setze ich mich auch dafür ein, dass die Logistik als wichtiger Pfeiler unseres Wirtschaftsstandorts berücksichtigt wird. Die Zulassung von Lang-Lkw ist ein Beispiel. Wir müssen Mobilität fördern anstatt sie zu beschränken, denn sie ist Grundlage von Wohlstand und Beschäftigung.

Teilen Sie seinen Grundsatz der Verlagerung von möglichst viel Güterverkehr von der Straße auf andere Verkehrsträger?

Es ist das Ziel der Landesregierung, den Güterverkehr stärker auf Schiene und Wasserstraße zu verlagern und den kombinierten Verkehr auszubauen, damit Güter effizient und umweltschonend transportiert werden können. Wir setzen uns deshalb für weitere Terminals des kombinierten Verkehrs und für innovative Verlademöglichkeiten sowie für den durchgängigen Ausbau der Neckarschleusen ein. Gleichzeitig behalten wir die Straße als wichtigsten Verkehrsträger für den Gütertransport im Auge. Daher investieren wir in dieser Legislaturperiode in erheblichem Umfang in den Landesstraßenbau. Wir setzen sowohl auf Erhalt und Sanierung als auch auf Aus- und Neubau, gerade letzteres darf nicht zu kurz kommen.

Welche Forderungen haben Sie als Wirtschaftsministerin in Bezug auf die Infrastruktur an den Bundesverkehrsminister? Finden Sie damit mehr Gehör als Ihr Vorgänger Nils Schmid? Wo unterscheiden sich Ihre Forderungen in diesem Bereich von denen Ihres Vorgängers?


Für Baden-Württemberg sind im Bundesverkehrswegeplan 2030 im Bereich Bundesfernstraßen zusammengefasst rund 9,4 Milliarden Euro bis 2030 eingeplant. Das umfasst fast alle wichtigen Neu- und Ausbauprojekte in Baden-Württemberg. Das freut mich als Wirtschaftsministerin natürlich sehr, denn für unsere Südwestwirtschaft ist eine gute Infrastruktur von zentraler Bedeutung. Unser Ziel als Landesregierung ist es, die Voraussetzungen für die Umsetzung der Maßnahmen des Bundesverkehrswegeplans zu schaffen. Ich erwarte und mache mich auch dafür stark, dass nun zügig geplant wird und wir alle Projekte bis 2030 umgesetzt bekommen.

Im Bundesverkehrswegeplan kamen vor allem die Schienenprojekte in Baden-Württemberg nicht zu Zuge. Wird das aus Ihrer Sicht zum Standortnachteil?
 
Auch in die Bahninfrastruktur wird in den kommenden Jahren massiv investiert. Denken Sie an den Ausbau der Rheintalschiene und den Bau der Neubaustrecke Stuttgart - Ulm oder an den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof. Ein großer Erfolg ist auch die nachträgliche Hochstufung des Ausbaus der Strecke Stuttgart - Zürich, der Gäubahn. Natürlich haben wir auch unerfüllte Wünsche, aber eine Pauschalkritik ist nicht richtig. Wichtig ist, dass der Ausbau nun schnell vorankommt, gerade angesichts der erwarteten Mengenzuwächse im Güterverkehr.

Die digitale Infrastruktur ist in vielen Bereichen unerlässlich für die Logistik, viele Logistiker auf der Schwäbischen Alb und anderen ländlichen Regionen klagen über fehlende schnelle Internet-Strecken. Thomas Strobl hatte angekündigt, Baden-Württemberg bis 2025 zur „digitalen Leitregion“ zu machen. Was sind Ihre Schwerpunkte als Wirtschaftsministerin, um diese Strategie für Transport- und Produktionslogistik nutzbar zu machen? Wo liegen regionale Schwerpunkte mit Priorität?

Klar ist: Der Ausbau von leitungsgebundenen Breitband- und Mobilfunknetzen ist grundsätzlich Aufgabe der privaten Telekommunikationsunternehmen. Nur wenn dieser marktgetriebene Ausbau versagt, kann die Unterversorgung leitungsgebundener Breitbandnetze durch die Kommunen mit Mitteln der öffentlichen Hand behoben werden. Und das tun wir auch. Die Landesregierung unterstützt die Kommunen bei der Realisierung einer flächendeckenden und zukunftsorientierten Breitbandversorgung mit „Next Generation Access“-Netzen, kurz NGA-Netzen. Dafür stellen wir Fördermittel und Beratung bereit. Außerdem sind wir im engen Kontakt mit den Verantwortlichen, um den Breitbaudausbau schnellstmöglich voranzutreiben.

Gibt es bereits konkrete Projekte?

Zwischen 2011 und 2016 wurden vom Land rund 1.100 Projekte der Kommunen mit Fördermitteln in Höhe von 165 Millionen Euro unterstützt. Davon wurden alleine 450 Projekte im Jahr 2016 mit 113 Millionen Euro gefördert. Dieses Jahr stehen ebenfalls deutlich über 100 Millionen Euro für die Breitbandförderung zur Verfügung. Hier passiert also bereits unheimlich viel. Unser Ziel ist es, eine flächendeckende und erschwingliche Breitbandversorgung für den gewerblichen Bedarf zu schaffen, die eine symmetrische Übertragungsrate von mindestens 50 Mbit/s beim Herunter- und Hochladen ermöglicht. Logistikunternehmen werden – wie alle Unternehmen – im Rahmen der kommunalen Ausbauprojekte ausschließlich mit Glasfaser erschlossen. Damit werden Bandbreiten im Gigabit-Bereich ermöglicht. Die Anbindung des Gewerbes hat Priorität und wird mit einem Zuschlag besonders gefördert.

Wie sehen die weiteren Zeitpläne aus?

In der öffentlichen Diskussion steht die Forderung nach hohen Bandbreiten im Vordergrund. Wichtige Anforderungen an den leitungsgebundenen Breitbandausbau sind aber auch offene Schnittstellen, Reaktionsgeschwindigkeit und Energieeffizienz. Schnelles Internet muss selbstverständlich auch unterwegs verfügbar sein. Darum haben wir im Koalitionsvertrag festgehalten, dass wir Möglichkeiten prüfen, wie das Land Anreize für die lückenlose Erschließung durch die Mobilfunkbetreiber setzen kann. Es sollen insbesondere Bahnstrecken und Autobahnen prioritär erschlossen werden. Denn so schaffen wir die auch im Hinblick auf das autonome Fahren notwendige Infrastruktur. Der Mobilfunk der fünften Generation – 5G – wird in diesem Bereich wegweisend sein. Außerdem sollten auch so genannte Mobilitätsknotenpunkte mit schnellem mobilem Internet ausgerüstet werden. Gerade in ländlichen Regionen könnten solche Knotenpunkte zukünftig noch stärker als Ausgangspunkt für eine intermodale Mobilität dienen. Das gilt nicht nur für den Personenbereich, wo beispielsweise durch moderne Verkehrsinformationen via App ein Wechsel zwischen Bus, Bahn, Fahrrad oder Carsharing-Auto erleichtert wird. Auch beim Güter- und Warentransport sowie im Bereich der Last-Mile-Logistik könnten sich dadurch neue Mobilitätsformen und Geschäftsfelder ergeben.

Das Gespräch führte Pia Grund-Ludwig.

Quelle: Das Interview erschien am 28. April 2017 in der DVZ Deutschen Verkehrszeitung.


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